Die Absichten der St. Vincent Deklaration aus dem Jahr 1989 für die Behandlung von Menschen mit Diabetes waren ehrgeizig: Von den Regierungen wurden bessere Versorgungsstrukturen und eine wirksame Prävention und Therapie des Diabetes und seiner Komplikationen gefordert. Die Ziele sind nach wie vor aktuell – und bleiben für alle Beteiligten im Gesundheitssystem eine Herausforderung, wurde bei den Wiesbadener Rathausgesprächen deutlich.
Die deutliche Reduktion von Erblindungen, Nierenversagen und Amputationen zählte zu den Zielen der St. Vincent Deklaration, die am Rande eines Treffens der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1989 verabschiedet wurden. Ob diese und andere Absichten in der Realität erreicht werden konnten und wo noch Defizite bestehen, diskutierten medizinische Experten, politisch Verantwortliche, Patienten- und Krankenkassen-Vertreter am Vorabend des Kirchheim-Forums Diabetes (Wiesbadener Rathausgespräche „Versorgungsziele versus Versorgungsrealität – Wo stehen wir 20 Jahre nach der St. Vincent Deklaration“ in Wiesbaden am Rande des Kirchheim-Forums, 21. Oktober 2010).
„Ich glaube, dass die Diabetesversorgung insgesamt besser geworden ist. Aber dies ist sehr viel langsamer und in geringerem Ausmaß geschehen, als man sich das damals vorgestellt hat“, sagte Dr. Christian Graf von der Barmer GEK. Ein wesentlicher Meilenstein sei der Aufbau Diabetologischer Schwerpunktpraxen gewesen. Die Kooperation von Schwerpunktpraxen und Hausärzten habe mehr Qualität in die Fläche gebracht.
| Rathausgespräche: Experten plus Politik Die Rathausgespräche wurden von Dr. med. Christian Moerchel, Allgemeinarzt und Stadtrat aus Mainz, und seinem Bruder Dr. phil. Michael Moerchel, Medizinjournalist und Mitglied der Bundespressekonferenz aus Bonn, initiiert. Bundesweit diskutieren Expertenrunden in Rathäusern aktuelle gesundheitspolitische Themen. Die Wiesbadener Rathausgespräche zum Thema St. Vincent Deklaration wurden von der Firma Novo Nordisk unterstützt. |
Jedoch: Eine wesentliche Verringerung von diabetesbedingten Amputationen, Nierenversagen oder Erblindungen wurde nicht erreicht – anvisiert wurden Reduktionen um mindestens 30 bis 50 % innerhalb von fünf Jahren. Zwar ging die Rate an Amputationen prozentual zurück, zeigen Krankenkassen-Daten. Aber dies könnte auch durch die gestiegene Zahl der Diabetes-Diagnosen bedingt sein. Graf: „Die Früherkennung ist besser geworden, v. a. in der Hausarztpraxis ist die Aufmerksamkeit sehr viel höher, dazu haben auch die DMPs beigetragen.“
Haftung für gute Medizin: Kritik am Arzneimittelregress
Für niedergelassene Ärzte und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) bestätigte Dr. med. Günter Gerhardt, Vorsitzender der KV Rheinland-Pfalz, dass Schwerpunktpraxen mehr Qualität gebracht haben. Auch die Anstrengungen zu wohnortnahen Schulungen seien international „beispiellos“. Andererseits kritisierte er Arzneimittelregresse und Richtgrößen: „Es missfällt den Ärzten sehr, dass sie Diabetes nach dem neusten Stand behandeln und dafür in Regress genommen werden!“
Vor dem Hintergrund, dass derzeit 60 % der Studienabgänger auf lange Sicht ins Ausland abwandern, betonte er: Dieses Problem lässt sich nur lösen, wenn Politik und Krankenkassen die niedergelassenen Ärzte vom „Damoklesschwert der Haftung für gute Medizin“ befreien.
„Die Wirkung der St. Vincent Deklaration ist ausgeblieben, weil keine entsprechenden Strukturen geschaffen wurden“, so die Ansicht von Prof. Dr. med. Hermann von Lilienfeld-Toal. Als Negativbeispiel griff der stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Diabetiker Bundes das Ziel einer besseren Versorgung von Kindern mit Diabetes heraus.
Er erinnerte an die ursprünglich geplante Streichung kurzwirksamer Insulinanaloga: „Es drohte hier ein Rückschritt“, so Lilienfeld-Toal. Bei den Zielen die Komplikationen zu reduzieren, forderte er mehr Aktivität. „Unserer Meinung nach ist der Ruf nach einem nationalen Aktionsplan richtig.“ Für die Patienten möchte er mehr Mitsprache.
Politik und Versorgungsqualität
Prävention ist eine Investition, unterstrich Dr. med. Peter Enders, rheinland-pfälzischer CDULandtagsabgeordneter. Denn für Diabetes und seine Folgen werden pro Jahr und Patient mindestens 2000 Euro aufgewendet. Dabei muss die Prävention schon sehr früh ansetzen, war er sich mit den Anwesenden einig: „Wir brauchen z. B. gesundes Essen in Kindergärten und Schulen – das kann man in der Tat gesetzlich regeln.“
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel, Mitglied im Gesundheitsausschuss, berichtete, dass ein Patientenrechte-Gesetz geplant ist: „Darin wird auch geregelt werden, inwieweit echte Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss vertreten und Patienteninteressen gestärkt werden können.“
| Wiesbadener Konsens Im Vorfeld des Kirchheim-Forums Diabetes am 21. Oktober 2010 im Wiesbadener Kurhaus haben die Teilnehmer des Rathausgespräches folgenden Text verabschiedet: | |
| » | In Anbetracht, dass die St. Vincent Deklaration vor mehr als 20 Jahren im Jahre 1989 klare Zielvorgaben für die Prävention, Bekämpfung und die Therapie des Diabetes beschrieben hat, die in Deutschland immer noch nicht wirksam umgesetzt worden sind, muss die Politik der Bekämpfung dieser Volkskrankheit in Deutschland höchste Priorität geben. |
| » | Es ist ein nationaler Aktionsplan zu entwickeln und umzusetzen, der eindeutige Maßnahmen zur Verbesserung der Diabetesbehandlung festschreibt. |
| » | Um dem Metabolischen Syndrom vorzubeugen, müssen alle zur Verfügung stehenden Therapien, insbesondere sinnvolle innovative Behandlungsmöglichkeiten konsequent von Beginn an eingesetzt werden. |
| Die Teilnehmer des Rathausgespräches setzen sich für die Verwirklichung dieser Pläne ein. | |
Was ein Pharmaunternehmen zur Erfüllung der Ziele der St. Vincent Deklaration beitragen kann, erläuterte Dr. med. Christoph Koenen, Novo Nordisk. In erster Linie sei dies die Entwicklung besserer Therapien. „Zusätzlich tragen pharmazeutische Unternehmen Verantwortung für die Messung der Versorgungsqualität“, so Koenen. Nur so könne man nachweisen, dass neue Therapien auch zur besseren Versorgungsqualität beitragen.
Daher sammelt Novo Nordisk mit der Initiative „Changing Diabetes Barometer“ (www.changingdiabetesbarometer.com) umfangreiche Daten, die einen weltweiten Vergleich erlauben: „Wenn wir etwas messen, können wir es auch verbessern. Und wir glauben, wenn wir Menschen mit Diabetes besser behandeln, wird dies für das Gesundheitssystem geringere Kosten verursachen.“ Für Deutschland zeigt das Barometer unter anderem, dass zurzeit 76 % der Menschen mit Diabetes ein HbA1c unter 7,5 % erreichen.
Auch gibt es im Zugang zur Pharmakotherapie große internationale Unterschiede, machte Koenen am Beispiel moderner Analoginsuline deutlich. Zwar zeigen Studien, dass für das HbA1c die Art des Insulins keinen Unterschied macht. Jedoch: Patienten, die mit modernen Insulinen behandelt werden, haben eine deutlich geringere Hypoglykämierate im Vergleich zu denen, die mit Humaninsulin behandelt werden. „Trotzdem ist in Deutschland der Anteil an Humaninsulin viel höher als in England oder den USA“, belegte Koenen anhand des Barometers.
Reorganisation der Diabetologie: mit einer Stimme sprechen
Die deutsche Diabetologie besitzt eigentlich alles, was sie braucht, so Prof. Dr. med. Thomas Haak, z. B. Schwerpunktpraxen und gute Leitlinien. „Wir nutzen es nur nicht so, wie wir es sollten!“ Dies belegt der Consumer Index Diabetes, der die eingesetzen Mittel mit den Therapieergebnissen vergleicht. „Deutschland belegt in Europa Platz 19, damit können wir nicht zufrieden sein.“ Und dies obwohl für Diabetes und seine Folgen etwa 10 % der Mittel im Gesundheitssystem aufgewendet werden.
![]() | » Mit der Reorganisation der Diabetologie in Deutschland könnten wir es endlich schaffen, in der Politik Gehör zu finden. « Prof. Thomas Haak, Bad Mergentheim |
Die Diabetologie muss sich zudem besser organisieren, um in der Politik Gehör zu finden. Denn nur 0,5 % der acht Millionen Diabetiker sind in einem der zahlreichen Verbände organisiert. Man müsse mit einer Stimme sprechen, um den Diabetes vertreten zu können, so Haak. Seit zwei Jahren wird daher versucht, unter dem Dach von DiabetesDE Ärzte, Diabetesberater und Patienten in einem Verband zu versammeln, so DiabetesDE-Vorstandsmitglied Haak: „Wir möchten einen gesundheitspolitischen und ökonomischen Beitrag im Kampf gegen den Diabetes leisten.“
Impressum
Diabetes Forum 12/2010, Verlag Kirchheim + Co GmbH, Kaiserstr. 41, 55116 Mainz, Telefon 06131/96070-0
Redaktion: Jochen Schlabing, mit freundlicher Unterstützung von Novo Nordisk
Sonderveröffentlichung

Podcast

Hier finden Sie einen Podcast mit Kurzstatements der Experten zum Thema St. Vincent Erklärung.




